Freitag, 17. Mai 2019

Hochzeitstag

Heute ist es soweit. Ich bin nun seit 14 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Und auch wenn er manchmal ein Stoffel ist, leicht beleidigt und brummig. Er hat unseren Hochzeitstag noch nie vergessen. Er hat immer daran gedacht. Jedes Jahr.
Auch heute Mittag hat er mich wieder überrascht. Stand 3 Stunden zu früh plötzlich in der Küche mit einem Strauß Blumen und einer Flasche Sekt. Der passt sehr gut zu der Erdbeer-Baiser-Torte, die ich für ihn gebacken habe.
Wir lassen es uns heute gut gehen. Genießen Torte und Sekt und lächeln beide vor uns hin.....
                                                                        💑

Donnerstag, 16. Mai 2019

Schwebende Berge ..?

Als ich heute Morgen zur Arbeit fuhr lichteten sich die Wolken nur für einen Moment und gaben einen winzigen Ausblick auf die Alpen frei. Kurzzeitig war ich wirklich perplex. Lag es daran, dass ich meinen Morgenkaffee nicht hatte? Einen Augenblick lang sah es so aus, als würden die Berge schweben...

Mittwoch, 15. Mai 2019

Ich liebe mein neues Auto

Ach, ist das schön!!!
Wenn man ein Auto hat, auf das man sich verlassen kann. Das einem nicht unter´m Hintern zusammenbricht. Mit dem man tatsächlich auch mal weiter als nur innerorts fahren kann...
Seit 5 Wochen habe ich ein solches Wunderwerk der Technik. Davor bin ich jahrelang nur "Gurken" gefahren. Solche, die nicht anspringen wollen, wo es durch´s Dach tropft (oder gießt, je nach Regenmenge), ohne Radio, ohne Schnickschnack. Autos, die so laut klappern und scheppern, dass man mich des öfteren mit einem Panzer verwechselt hat. Solche, bei denen ich immer hoffte, nicht in eine Verkehrskontrolle zu geraten. Weil ich genau wusste, die Herren Gesetzesvertreter ziehen mich und mein Auto sofort aus dem Verkehr.
Angefangen hat diese jahrelange Tortur vor etwa 5 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt änderte sich bei uns beruflich viel, leider nicht zum Guten. Wir waren noch knapper bei Kasse als ohnehin schon immer. Als uns unser geliebtes Arbeitstier, der VW Caddy, mit Motorschaden im Stich ließ, ging es los. Wir kauften ein Uralt-Auto mit einem Jahr TÜV. Nur übergangsweise, haben wir gesagt. Bis wir uns etwas Besseres leisten können. Naja, es hat "nur" 1000 Euro gekostet. Auch die haben wir mühsam abgestottert. Als der TÜV fällig wurde rechneten wir kurz durch - und sattelten um auf ein anderes Schrottauto, das uns billiger kam als die Reparatur des bisherigen "Dramas auf Rädern". Dieses kleine Schätzchen hielt doch tatsächlich 3 Jahre lang, entgegen allen Unkenrufen. Denn es kostete uns nur 60 Euro. Diese Summe war so klein, dass unser Autohändler es uns als "Autoteile" verkaufte, damit er überhaupt eine Rechnung schreiben konnte. Wir steckten nochmal 250 Euro rein und der Kleine hielt wacker durch. Bis er mir sprichwörtlich unter´m Hintern zusammenkrachte. Als ich gerade vom Einkaufen kam - Spurstange gebrochen, Achse gebrochen, Reifen geplatzt. Zum Glück fuhr ich, als es passierte, nur mit 15 km/h innerhalb des Supermarkt-Parkplatzes. So ist mir nichts geschehen - außer dass mein Ego angeknackst war. Wir tauschten das tapfere Elend gegen einen Wagen, der äußerlich noch recht gut aussah. Nur 19 Jahre alt, TÜV drauf, knappe 250.000 Kilometer auf dem Tacho. Für einen Renault ist das so gut wie nix. War auch wieder etwas teurer, das gute Stück. Es kostete uns sage und schreibe 1500 Euro. Geliehen von Schwierigmama. In Raten von 100 Euro abgestottert....
Das war unsere letzte Klapperkiste, die wir dann vor 5 Wochen abgelöst haben. Doch bis es endlich soweit war habe ich viel gebangt, geschwitzt und geflucht. Das Auto war schon längst bereit für den Ruhestand - unser Konto war noch nicht bereit für eine neuerliche Ausgabe.
Beruflich war es bis dahin für meinen Mann auf und ab gegangen. Von der Selbständigkeit in ein Angestelltenverhältnis. Nur Zeitverträge, wie hier in der Gegend üblich. Kurz vor dem gesetzlich notwendigen Wechsel zum Festvertrag dann die Kündigung. Zeitarbeiter sind einfach billiger. Nach wenigen Wochen Bangen hat er gleich wieder Glück gehabt und den nächsten Job gefunden. "Diesmal für immer, forever, von jetzt an bis zum Schluss" (Mark Forster, für diejenigen, die es nicht erkannt haben). Nach einem Jahr Zeitvertrag kam dann die Nachricht, dass er übernommen wird. Hallelujah!!! Eine Gehaltserhöhung war auch fällig. Das war im Februar diesen Jahres. Super Aussichten für´s nächste Auto, dachten wir. Denn unsere Schrottkarre pfiff auf dem letzten Loch. Grad so, dass ich bis zur Schule und zurück kam, um unseren Sohn abzuholen. Wenn ich zum Arbeiten in die nächstgrößere Stadt musste lieh ich mir immer das Auto von Schwierigmama aus. Natürlich gegen Bezahlung. Und verbunden mit jede Menge "Gefallen", die man ihr dann zwangsläufig tun musste. Ich schluckte brav jeden bösen Kommentar herunter, erledigte Botengänge, ging Einkaufen und zahlte das Benzin. Meine Nerven lagen blank. Umso schöner ist es da zu wissen, dass all das bald ein Ende hat. Doch es sollte noch ein bisschen dauern. Finanzielle Reserven haben wir leider nicht, also konnten wir keine Anzahlung auf ein neues Auto leisten. Außerdem lief der Festvertrag mit einer sechsmonatigen Probezeit für meinen Mann an, während der man es schwer hat, eine Autofinanzierung bewilligt zu bekommen. Es war zum Haare raufen. Das automobile Glück in greifbare Nähe zu wissen, und doch unerreichbar fern...
Nochmal war das Glück uns hold. Der Arbeitskollege meines Mannes ist türkischer Abstammung. Hier im Allgäu ist die türkische Gemeinschaft eng geknüpft. Jeder kennt jeden und man hilft einander aus der Klemme. So traf sich mein Mann als "neuer bester Kollege" mit einem Autoverkäufer, der uns (nur so unter uns Türken - wir wurden kurzerhand umgebürgert 😁) ein gutes Angebot machen konnte. Und so kamen wir an einen 6 Jahre alten Opel Mokka, der nur 9.000 Kilometer draufhatte und lief wie ein Neuer, der eine extraordinäre Sonderausstattung aufzuweisen hat und dabei doch recht günstig zu haben. Grad mal 11.000 Euro, auf Finanzierung, ohne Anzahlung und mit Gutscheinen für die nächsten Werkstattbesuche. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Auch wenn mein Mann noch immer ein bisschen mit dem Schicksal hadert, weil es jetzt ein Opel geworden ist. Ist mir egal. Ich bin glücklich. Ich hab ein Auto, das einfach wunderbar ist. Es fährt wie ´ne Eins, ist bezahlbar und sieht in schneeweiß auch noch gut aus. Ich liebe die Lenkradheizung, weil ich immer kalte Finger habe. Ich liebe die Rückfahrkamera, das Radio, das Navi. Ich liebe den kleinen Kofferraum (weil ich jetzt nicht mehr große Sachen für andere transportieren muss), die einklappbaren Außenspiegel (perfekt am Schulparkplatz)… Ich bin so verliebt in unser Auto!! Immer, wenn ich einsteige grinse ich wie ein Honigkuchenpferd. Manchmal sitze ich am Zielort noch ein bisschen länger im Auto, nur um es zu genießen. Ich fahre wieder richtig gern und freue mich fast, wenn ich eine Verkehrskontrolle sehe. Es ist so genial, wenn man ohne Angst an einer Polizeistation vorbeifahren kann, weil man ein absolut verkehrstüchtiges Fahrzeug fährt. Ich könnt ein Gedicht schreiben über mein neues Auto. Eine Ode in weiß. Oder vielleicht ein Lied. Das spiel ich dann auf CD ein und lass es laufen. Im Auto....

Freitag, 10. Mai 2019

Aloe, schon mal gehört?



Erst konnte ich es ja nicht wirklich glauben. Dieses Aloe-Zeugs soll helfen?  Ich mag Naturheilmittel und -Kosmetik und habe diesbezüglich bereits einiges ausprobiert. Doch als von Aloe als "Wundermittel" berichtet wurde war mir das eindeutig zu theatralisch. Ich hab´s nicht geglaubt...
Dann verbrannte ich mir vor zwei Monaten die Hand mit heißem Bratfett. Vier Finger waren großflächig betroffen. Ich habe die üblichen Behandlungen eingeleitet. Aber nichts hat wirklich geholfen. Ich arbeite mit meinen Händen, ständig wurden die Wunden nass. Sie wollten sich einfach nicht schließen. Meine Hand sah nach zwei Wochen aus wie eine Kraterlandschaft.
Mein Chef hat mir schließlich von seiner Aloepflanze ein Blatt abgeschnitten und mir aufgedrängt. Ich war inzwischen verzweifelt genug, auch nach diesem Strohhalm zu greifen. Ich habe das Blatt aufgeschnitten und ganz nach seinen Anweisungen mehrmals täglich über die Wunden gestrichen. Was soll ich sagen? Nach drei Tagen waren alle Finger vollständig verheilt. Ich weiß nicht, ob mein Körper einfach von sich aus einen riesigen Schub hingelegt hat, ob das Wetter passte oder ob es tatsächlich wirklich an der Aloe lag. Aber ich war von da an überzeugt.
Inzwischen habe ich mich schlau gemacht. Es gibt ja unzählige Videos bei YouTube über Aloe und deren Anwendung. Manches davon kann man wirklich glauben. Auf dem Bild seht ihr meine erste Pflanze, die ich mir gleich nach der Heilung gekauft habe. Da sie zum ernten noch zu jung ist habe ich ihr bisher zwei große Schwestern zur Seite gestellt. So habe ich jetzt wöchentlich ein bis zwei Blätter zum ernten. Ich benutze das Gel vor allem für Gesicht und Hände. Aber auch als Haarkur ist es wundervoll. Als Ersthelfer bei kleineren Schnittwunden, Blasen oder Brandwunden ist es meines Erachtens unschlagbar. Natur pur, ohne jede Chemie und wirklich heilwirksam. Sogar mein Sohn ist überzeugt. Immer, wenn irgendwo in Bayern eine Mücke das Licht der Welt erblickt, kommt sie bei ihm vorbei auf einen kleinen Snack. Jeden Sommer ist er total zerstochen. Die herkömmlichen Salben und Globulis helfen ihm nicht wirklich oder fühlen sich für ihn unangenehm an. Aaaber Aloe - das lässt auch Alex an seine Haut. Und was ihn glücklich macht, macht auch mich glücklich...

Dienstag, 7. Mai 2019

Du kriegst was du verdienst..

Guten Morgen, ihr Lieben. Guten Morgen, Ursula im Speziellen. Ich habe euch vor ein paar Tagen von meiner Angst vor dem bevorstehenden Termin in der Schule meines Sohnes berichtet. Da will ich euch auch nicht im Dunkeln lassen über das Ergebnis...
Zum Ersten - die Dame vom Jugendamt, die ich nur vom Telefon kannte, stellte sich als erfreulich engagiert heraus. Sie konnte sich wirklich gut auf meinen Sohn einlassen und akzeptierte seine persönlichen Grenzen (zwang ihm keinen Körperkontakt auf, stellte keine unangenehmen Aug-in-Aug-Fragen, akzeptierte auch sein Schlusswort). Sie war im Prinzip genauso, wie ich es erhofft hatte. Bingo!
Zum Zweiten - die Rektorin unserer Schule hat eine komplette Kehrtwende hingelegt. Vor einem halben Jahr meinte sie, Alex wäre ein nicht tragbares und unkalkulierbares Risiko und bedeute Mehrarbeit, die sie zu leisten nicht Willens ist. Nun deklarierte sie, Alex sei eine Bereicherung für die Schule und sporne die Lehrerschaft zu Höchstleistungen an. Da schau her! Mein Gesichtsausdruck entgleiste in diesem Augenblick ein wenig...
Mein Mann hatte sich mit mir gemeinsam zum Termin begeben. Das hat die Damen entsprechend beeindruckt. Steht er doch als erwachsener Autist dafür, dass sehr wohl etwas aus unserem Kind werden kann. Ich fand es auch sehr schön, dass er dabei war. Sonst sind solche Sachen immer nur mir vorbehalten. Freiwillig setzt er eigentlich keinen Fuß in die Schule. Oder zu Terminen solcherart. In diesem Fall hat seine bloße Anwesenheit bereits geholfen. Ich war sehr stolz auf ihn...
Das Problem "was machen wir mit Alex" lösten wir auf die einfachste Art und Weise. Allein in den Unterricht wollte und konnte er nicht, seine Schulbegleitung wurde bei uns gebraucht. Also hat er sich ein Buch geschnappt und die Zeit in der Aula, direkt vor unserer Tür, verbracht. War jetzt nicht wirklich aufregend für ihn und auch nicht pädagogisch wertvoll. Aber er fühlte sich sicher und wusste, er kann jederzeit bei uns klopfen wenn er sich unwohl fühlt. Und er war sehr tapfer. Aus den angepeilten 45 Minuten wurden nämlich fast 2 Stunden. Alex hat tapfer ausgehalten, ist danach sogar brav mit in den weiteren Unterricht gegangen. Dickes Lob an mein Kind!!!
Was kam jetzt aber bei raus? Nichts Genaues weiß man nicht... Genehmigungen werden hier immer ziemlich spät erteilt. Manchmal läuft das neue Schuljahr schon und wir haben noch keinen Bescheid. Was wir wissen, die Dame vom Jugendamt befürwortet ein weiteres Jahr Schulbegleitung in der kompletten Stundenzahl. Die Chancen dafür stehen recht gut. Sie befürwortet sogar ein Soziales Kompetenztraining für Alexander. Ob das kommt ist mehr als unwahrscheinlich. Ich bin ja schon froh, wenn das mit der Schulbegleitung klappt. Wir werden es erfahren. Wenn wir Glück haben vielleicht schon in den Sommerferien...

Sonntag, 5. Mai 2019

Es schneit, es schneit ....


Kann es wirklich wahr sein? Was erblickt mein müdes Auge heute morgen?
Tatsache! Dort, wo gestern noch der Löwenzahn blühte liegt jetzt eine ordentliche Schicht Schnee. Unser Fußballtor im Garten ist heute definitiv "out of order"...

Donnerstag, 2. Mai 2019

Willkommen im Allgäu

mein täglicher Ausblick


Seit 18 Jahren lebe ich nun schon hier und ich glaube, ich werde noch in 20 Jahren darüber staunen, wie schön es ist. Jetzt im Frühjahr liebe ich es am meisten. Wenn die Berge noch schneebedeckt sind und bei uns im Tal der Löwenzahn die satten grünen Wiesen sprenkelt. Wenn der Himmel blau und weit ist und die ersten Kühe hinterm Zaun grasen. Wenn alle aufatmen nach dem langen kalten Winter und in kurzen Hosen im Garten werkeln... Ich liebe es!!!

Mir ist schlecht....

… vor Angst. Mal wieder...
Morgen Vormittag ist es wieder soweit. Unsere jährliche HP-Sitzung steht an. Für alle, denen das nichts sagt: Es ist ein Hilfeplangespräch mit dem Jugendamt, dass darüber entscheidet ob wir für ein weiteres Jahr die Schulbegleitung für unseren autistischen Sohn bekommen. Also wichtig, mit Ausrufezeichen!!!
Unsere neue Sachbearbeiterin stellt sich uns morgen mit einem Novum vor. Sie kommt während der Schulzeit und hospitiert eine Stunde im Unterricht. Da sich mein Sohn bei Hospitationen immer wie ein Bilderbuchkind benimmt wird sie sich wahrscheinlich fragen, ob sie in der falschen Klasse gelandet ist. Im schlimmsten Fall kommt sie auf die Idee, seiner Begleitung Stunden zu kürzen. Ein Alptraum für alle, die mit Alex zu tun haben. An sich habe ich ja nichts gegen diese Hospitation. Im Gegenteil, es ist meines Erachtens sinnvoll, eine Maßnahme mal "live und in Farbe" statt nur auf dem Papier zu sehen. Außerdem ist sie ja "die Neue" und hatte bisher nur telefonisch mit mir und der Rektorin der Schule Kontakt. Also eigentlich alles gut.
Wäre da nicht das Gespräch selbst. Das findet nämlich in der dritten Schulstunde statt. Am Tisch sitzen außer der Dame vom JA wie immer die Eltern, die Klassenlehrerin, die Schulbegleitung und (auf eigenen Wunsch und ich bekomme deswegen schwitzige Hände) die Rektorin. Jaaa, genau. Die Schulbegleitung..... Und mein Sohn muss während des Gesprächs den Unterricht allein bestreiten. Mindestens eine Schulstunde lang. Und dann auch noch während WTG, seinem Angst-und Hassfach. Deswegen ist mir schlecht. Und meinem Kinde auch. Ach ja, und der Schulbegleitung ebenso.
Wir haben natürlich versucht, den Termin etwas zu versetzen. Doch das ist der Dame vom JA leider nicht möglich. Na, dann freuen wir uns doch alle mal eine Runde!!!
Das einzig Gute am morgigen Tag wird sein, dass es danach in´s Wochenende geht....

Dienstag, 30. April 2019

(Not) All about Alex .... Part II

Es hat ein paar Tage gedauert, doch wie versprochen kommt nun der zweite Teil meiner Erzählung über meinen Sohn...
Wo war ich? Ach ja, Ende der ersten Klasse bekamen wir Alex´ Diagnose und er war nun offiziell ein Autist...
Das Gute daran war natürlich, dass wir endlich wussten, was los war. Unser Sohn war schon immer irgendwie anders, doch bis dato konnten wir uns darauf nicht wirklich einen Reim machen. Jetzt hatte ich einen Namen, konnte Googlen und Bücher wälzen, mich online in Foren für Betroffene anmelden, Vorträge und Kurse besuchen, Anträge schreiben - kurz, ich hatte was zu tun. Das Erste was ich tat war allerdings, mit Alex selbst darüber zu reden. Er war 7 Jahre alt, war mit uns von einem Arzt zum nächsten gereist und hatte schlichtweg ein Recht darauf, Bescheid zu wissen. Er nahm es locker, war (genau wie ich) einfach nur froh um des Rätsels Lösung. Das erste Schuljahr war für ihn bis dahin eine Katastrophe, eine einzige Quälerei. Der Lärm, die fremden Kinder, Räume und Gerüche. Der Druck von außen, die überforderten Lehrer, sein eigenes Herzeleid. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was wir ihm damals zugemutet haben und wie elend es ihm damit ging - mir wird ganz gruselig dabei. Aber andererseits - was hätten wir denn sonst tun sollen? Wir hätten ihn ja nicht einfach daheim behalten können, er musste ja zur Schule gehen! Und doch frage ich mich manchmal, was wir vielleicht noch hätten tun können. Ob wir es früher hätten erkennen müssen. Allerdings war Autismus damals noch recht unbekannt. Ich habe Sozialpädagogik studiert, 5 Jahre lang, und während des ganzen Studiums haben wir eine einzige Stunde über Autismus gesprochen und Alex war ganz anders als unsere Fallbeispiele damals. Da bestätigt sich wieder der Satz "Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten"... Nein, wir hätten es nicht früher erkennen können. Wir sind schließlich keine Spezialisten. Selbst Kinderärzte und Psychologen tun sich mit der Diagnose schwer...
Wir beantragten also eine Schulbegleitung für Alex. Hier in Bayern läuft sowas über´s Jugendamt. Ein Novum für mich - ich saß auf der anderen Seite. Während meines Studiums habe ich ein halbes Jahr im dortigen Jugendamt gearbeitet und plötzlich war ich die Klientin. So kann es gehen im Leben. Schmunzel. Hier wie in vielen anderen Momenten kam mir mein Studium dezent zu Hilfe. Ich habe festgestellt, dass sich Fachkräfte mit mir oft auf Augenhöhe unterhalten, wenn sie davon wissen. Mit anderen Eltern gehen sie oft ein wenig herablassend um, mit mir reden sie auf fachlicher Ebene. Hallelujah! War mein Studium doch zu was nutze, auch wenn ich nicht in meinem Beruf arbeite...
Zu Beginn des zweiten Schuljahrs startete Alex also mit einer Schulbegleitung. An unserer kleinen örtlichen Grundschule waren wir damit Vorreiter. Schulbegleiter sind nicht wirklich gern gesehen, Lehrer fühlen sich durch sie beobachtet, gedrängt und kontrolliert. Wir sind gegen viele Mauern gerannt und haben sie mit viel Kraftaufwand durchbrochen. Ach, was habe ich diskutiert, mit Rektoren, Lehrern und Eltern von Mitschülern. Viele scheinen Angst davor zu haben, Autismus wäre ansteckend. Ist es natürlich nicht! Und immer wieder habe ich festgestellt - damals wie heute... Die Kinder sind nicht das Problem. Alex wurde von seinen Mitschülern meist sehr gut angenommen. Man hat ihnen erklärt, was mit ihm los ist und sie haben sich darauf eingestellt. Viele von ihnen sind dazu übergegangen, ihn vor Mobbing zu schützen, ihn wenn nötig zu beruhigen oder ihn einfach nur in ihren Schulalltag zu integrieren. Das wahre Problem sind immer die Erwachsenen gewesen. Lehrer, die sind in ihrem friedlichen Alltag gestört sahen. Rektoren, die um den Ruf ihrer Schule fürchteten oder keinen Stress mit den anderen Eltern wollten. Eltern, die um die herausragenden Noten ihrer Superkinder fürchteten, die ja später mal den Planeten retten sollen oder mindestens ein Land regieren. In der Öffentlichkeit reden immer alle von Integration. In bayrischen Schulen sieht das meist anders aus. Jedes Kind, das "anders" ist, ist ein potentieller Störfaktor. Selbst wenn alles gut läuft. Denn es könnte ja irgendwann mal zu Ärger kommen. (Originalton der jetzigen Rektorin meines Sohnes - "es könnte ja zu Problemen führen, also müssen wir..."). Dank der Flüchtlingskrise sind inzwischen auch bayrische Schulen gezwungen, sich anzupassen, flexibler zu werden und Integration zu leben.
Ich bin schon zu sehr im Hier und Jetzt, ich muss noch ein paar Takte zu Alex´ Grundschulzeit schreiben...
Dank der Schulbegleitung (nennen wir sie Sarah) wurde es in der zweiten Klasse wesentlich besser. Sie ist sehr einfühlsam, hat selbst zwei Kinder und zeigt sich sehr engagiert. Für alle, denen "Schulbegleitung" unbekannt ist nun eine kurze Erklärung. Als Autist hat mein Sohn Probleme mit plötzlichen Änderungen, lauten Geräuschen, fremden Gerüchen oder Materialien. Stunden, die sich verschieben oder Lehrer, die krank werden sind ihm ein Gräuel. Manchmal versteht er einfach eine Anweisung nicht, weil die Worte ihm in dem Zusammenhang fremd sind. Er nimmt alles wörtlich. Wenn also der Lehrer sagt "wollt ihr bitte das Buch aufschlagen", dann tut Alex es nicht. Weil er der Meinung ist, nee ich will das Buch nicht aufschlagen. Und richtig verlangt hat der Lehrer das ja auch nicht, nur vorgeschlagen. Eine Schulbegleitung fungiert hier als Puffer, als Übersetzer (in beide Richtungen) und notfalls als Schutz. Wird die Situation zu schlimm, geht sie mit Alex kurz vor die Tür. Sie spazieren dann die Flure entlang und schauen sich Bilder an. Oder sie erklärt ihm ganz ruhig etwas. Gibt ihm Gelegenheit, runterzufahren. Hat er diese Gelegenheit nicht, kommt es zu einem sogenannten "Overload". Das ist sprichwörtlich so, als wäre Alex´ Festplatte überladen und er explodiert. Dann schreit und tobt er. Wer jetzt glaubt, das ist unangenehm für anwesende Nichtautisten … Alex beschreibt es so: "Es fühlt sich an, als würde ich sterben, als fällt mir der Himmel auf den Kopf und ich verbrenne lebendig....". Ganz ehrlich? Sch… auf die Gefühle der Lehrer. Mein ganzes Mitgefühl liegt in einer solchen Situation bei meinem Kind!!
Ohne Sarah wäre Alex nicht in der Lage, eine normale Schule zu besuchen. Wir sind ihr so dankbar. Übrigens - falls sich jemand fragt, warum wir unser Kind nicht auf eine Schule für Autisten schicken. Das gibt es hier nicht. Es gäbe eine Schule für Körperbehinderte, eine Montessori-Grundschule und eine Integrationsschule, die leider weiter weg liegt (für uns würde sie wie ein Internat funktionieren, also mit Übernachtung). Keine realistischen Alternativen in Sicht...
Richtig schrecklich wurde es nochmal in der dritten Klasse. Es gab einen Lehrerwechsel. Aus welchem Grund auch immer - Alex´ Klasse bekam eine Lehramtsanwärterin zugeteilt. Ich nenne sie gern "die Prinzessin". Umwerfend schön, blond und zart, vom Leben bis dato verwöhnt war sie der Meinung, das Universum drehe sich um sie. Dementsprechend niederschmetternd war es für sie, einen Autisten in der Klasse zu haben. Ein ganzes Jahr lang hat sie versucht, Alex loszuwerden. Hat (und das finde ich eine bodenlose Frechheit) sogar Overloads bewusst provoziert, um sich selbst als Opfer darzustellen und einen Schulausschluss für ihn zu erwirken. Nun ja, wir sind noch da - und sie ist weg. Trotz Lehrermangels hat sich die Schule zum Glück entschieden, auf ihre Dienste zu verzichten. Das vierte Jahr war angenehmer. Als Klassleiterin kam eine erfahrene Lehrerin (und Mutter - es ist unglaublich, wie bedeutsam das ist), die für die gesamte Klasse eine Erleichterung war. Alle Kinder haben von ihrem Lehrstil profitiert. So kam es, dass die gesamte Klasse zum Schulende so gute Noten hatte, dass für alle Kinder theoretisch der Gymnasialbesuch möglich gewesen wäre. Alex war so stolz auf sich - und wir natürlich auch. Dennoch war uns klar, dass der Besuch des Gymnasiums für ihn nicht möglich sein würde. Klassen mit 35 Kindern, Lärm, Stress, hohe Anforderungen - kein ideales Umfeld für Autisten. Wir haben uns zusammengesetzt, die verschiedenen Möglichkeiten durchgesprochen, die Schulen besucht und angesehen und dann Alex die Entscheidung überlassen. Er hat sich für die örtliche Mittelschule entschieden und wir waren damit sehr einverstanden. Zum einen liegt sie auf dem gleichen Gelände wie die Grundschule, so dass er den Schulweg und die Örtlichkeiten schon kannte. Zum anderen hat sie mit 19 Kindern pro Klasse vergleichsweise niedrige Klassengrößen und einige der Lehrer kannten unserer Sohn schon. Sehr schön war auch die Überraschung, dass seine derzeitige Lehrerin eine Freundin seiner Schulbegleiterin ist, somit zumindest schonmal die Stimmung zwischen den beiden gut ist. Seine Lehrerin hat sogar im Vorfeld (während der Sommerferien) Kurse über Autismus besucht und sich für zwei Fortbildungen angemeldet! Das ist bisher einzigartig. Kein anderer Lehrer hat das jemals getan. Alles in Butter könnte man meinen? Naja, ganz so einfach ist es nicht. Es gibt auch an dieser Schule Lehrer (und Eltern), die Alex als Störfaktor ansehen. Die sich nicht auf seine Besonderheiten einlassen wollen. Zu kämpfen haben wir leider auch mit der Rektorin, die sich im Vorfeld  aufgeschlossen und integrativ gegeben hat und damit mehr versprach, als sie halten konnte. Denn sie war es, die im Oktober hinter meinem Rücken das Jugendamt angerufen hat, man müsse Alex sofort von der Schule entfernen. Seine Anwesenheit würde Mehrarbeit bedeuten, die sie zu leisten nicht willig sei. Als die Dame vom Amt es dann wagte, die Rektorin an ihren pädagogischen Auftrag zu erinnern, begab sie sich damit ungewollt in die Schusslinie. Neulich hat unsere Schule den Titel "Schule mit Courage, Schule gegen Rassismus" gewonnen und wurde dafür in den regionalen Medien groß gefeiert. Ich hoffe doch, dass der Integrationsgedanke, der dahinter steht, auch irgendwann mal für Autisten gilt...
Wir kämpfen. Immer weiter und immer wieder. Jeden Tag. Denn der Alltag mit einem Autisten ist sehr herausfordernd. Auch daheim ist Alex ein Autist, auch hier gibt es immer wieder Situationen, die ihn überfordern. Doch hier bin ich dabei, kann mich schützend vor meinen Sohn stellen, kann unser Leben um ihn herum drapieren. In der Schule bin ich machtlos. Jeden Morgen schicke ich ihn hin und schiele nervös Richtung Telefon. Kommt der Anruf, dass ich ihn holen soll, oder kommt er nicht? Ich gebe es zu, ich habe Angst. Jeden Tag. Dass etwas vorfällt, dass jemand verletzt wird. Alex hat noch nie jemanden verletzt (schließlich vermeidet er Körperkontakt wenn möglich). Doch wenn er einen Overload hat, mit den Armen fuchtelt und schreit kann theoretisch ein Kind aus Versehen in Mitleidenschaft gezogen werden. Wenn das passiert, das weiß ich genau, kommt es so Manchem in der Schule gerade recht und der "Störfaktor" wird entfernt. Doch auch, wenn er die Schule wie durch ein Wunder ohne Drama durchsteht. Was kommt danach? Was wird aus meinem Kinde? Er hat keinerlei Respektempfinden, da für ihn alle Menschen gleich sind. Das lässt sich nicht jeder gefallen. Er braucht manchmal eine Weile, bis er eine Anweisung versteht und sie auch ausführt. Zeit ist Geld. Bei meinem Sohn ist der Autismus sehr viel stärker ausgeprägt, als bei meinem Mann. Und auch dieser hat manchmal seine Probleme im Berufsleben. Wenn er sich unterordnen soll, wenn es hektisch wird. Wie soll das nur bei meinem Kind werden? Wo sein Verhalten doch wesentlich deutlicher von der Norm abweicht? Ganz ehrlich, mir stehen die Tränen in den Augen, wenn ich an Alex´ Zukunft denke...

Hey, ich kann hier nicht abschließen, nicht ohne ein Happy End. Nicht ohne ein kleines Lächeln...
Zur Zeit besucht mein Liebling zusammen mit einigen anderen Kindern seiner Schule einen Schwimmkurs. Die Schule hat das initiiert, weil gerade viele Flüchtlingskinder nicht schwimmen können. Nun, Alex auch nicht, sein Körpergefühl ist zu miserabel dafür. Er kommt einfach nicht dahinter, wie er seine Gliedmaßen bewegen muss, damit er nicht untergeht. Gestern war es wieder soweit. Ich bin immer dabei, sonst würde er gar nicht erst mitgehen. Es wurde Tauchen geübt. Alex hasst das Gefühl von Wasser im Gesicht (ist auch sehr hinderlich bei der Körperhygiene). Jedenfalls haben sie ihn seit Wochen daran gewöhnen wollen und brachten ihn dazu, im Wasser in die Knie zu gehen, bis dasselbige sein Gesicht erreicht. Gestern war es soweit, und er tauchte ziemlich weit unter, bis über die Nase. Weil ich gerade mit dem Bademeister sprach habe ich es verpasst (Klasse). Also forderte die Lehrerin ihn nach dem Schwimmen auf, mir zu zeigen, wie weit er abgetaucht war. Sein Kommentar: "Das weiß ich doch nicht, ich hatte die ganze Zeit die Augen zu."...


Ach, ich liebe mein Kind …. 😘😘😘

Freitag, 26. April 2019

(Not) All about Alex ...

Heute möchte ich euch gern von meinem Sohn erzählen, der mich mit seiner ganz persönlichen Logik gerade wieder zum Lachen gebracht hat...
Mein Sohn Alex ist mein einziges Kind, mein Sonnenschein, mein Augenstern und auch meine größte Sorge. Er ist 11 Jahre alt und besucht eine ganz normale Mittelschule im Ort. Und diese Tatsache ist erwähnenswert, weil mein Sohn Autist ist.
Irgendwie war er schon immer anders. Als er geboren wurde wog er 5000 Gramm, auf das Müüh genau. Ich habe ihn lange gestillt, auch wenn einem bei so großen Babys oft davon abgeraten wird. Aber dank Zufütterung hat er immer ausreichend Nahrung bekommen. Er war schon immer ein guter Esser - auch heute noch. Er isst viel und gern, leider nicht sehr abwechslungsreich (was aber ein Teil seiner autistischen Wesensart ist). Mein Sonnenschein war kein Krabbler, sondern ein Poporutscher. Er hat dadurch bedingt auch erst spät (mit anderthalb Jahren) das Laufen gelernt. Natürlich waren wir auch bei Ärzten, weil seine Entwicklung nicht gerade normgerecht verlief. Ich weiß, welche Entwicklung tut das schon. Aber wir waren dezent besorgt und wollten beim ersten Kind alles richtig machen. Da er in anderen Bereichen geglänzt hat (er konnte sehr früh mit einem beeindruckenden Vokabular sprechen) hielt sich unsere Besorgnis in Grenzen. Jedes Kind tickt anders, jedes hat ein anderes Tempo, also unterstützten wir, wo es notwendig war und ließen ihm seine Zeit.
Mein Mann und ich hatten beschlossen, dass ich die ersten drei Jahre Zuhause bleibe und mich um den Kleinen kümmere. Danach sollte er in den Kindergarten gehen und ich meinen Beruf wiederaufnehmen. Schön geplant ist halb versaut...
Alex war kaum 3 Wochen in der KiTa, da kam die Leiterin auf mich zu mit einer ellenlangen Beschwerdeliste. Er sondere sich ab, stehe immer buchstäblich mit dem Rücken zur Wand, sei kein Teamplayer, sein Gleichgewichtssinn sei mangelhaft... All das wussten wir und es gehörte für uns zu unserem Kind dazu. Anscheinend sind solche Verhaltensweisen im privaten Umfeld durchaus akzeptabel, nicht jedoch in einer Gemeinschaft wie zum Beispiel einem Kindergarten. Unsere Reise von Pontius zu Pilatus begann...
Unser Sohn wurde von einer sehr netten Dame vom "Mobilen sozialen Dienst" in der Kita besucht und begutachtet. Sie empfahl den Wechsel in einen speziellen Förder - Kindergarten, dem wir zustimmten. Das erste Jahr dort war wunderbar - für Alex und für uns als Eltern. Dann wurde die Zweigstelle geschlossen, Alex kam in die nächstgelegene - und die folgenden zwei Jahre waren nicht mehr ganz so rosig. Durch den Erzieherwechsel waren die Fortschritte unseres Sohnes nur noch minimal, sein Verhalten aufmüpfig. Gewisse Dinge sind mir leider erst im Nachhinein zu Ohren gekommen. Hätte ich früher von so einigen Erziehungsmethoden dort gewusst, hätte ich mein Kind dort rausgeholt. Methoden, wie zum Beispiel "die stille Treppe" sorgten nämlich dafür, dass mein Kind bis heute Höhenangst hat. Im letzten Jahr empfahl man uns den Besuch einer sozialpsychiatrischen Kinderklinik, in der man verschiedene Diagnoseverfahren nutzen wollte, um Alex´ Besonderheit definieren zu können. Das Ziel war die Möglichkeit, für ihn eine Schulbegleitung zu beantragen, mit deren Hilfe er eine Regelschule besuchen könnte. Man kann nur mit einer sehr genauen Diagnose, die von Spezialisten ausgesprochen wird, solche Dinge beantragen, also waren wir einverstanden. Unser Sohn hat zwar bei Intelligenztests (die in Förder-Kitas zum Standard gehören) stets die höchste Punktzahl erreicht, aber wir wussten, allein schafft er den Schulbesuch nicht. Sein Verhalten war damals schon sehr auffällig, wir konnten nur nicht sagen weshalb. Bei jedem Versuch ihn zu berühren (außer von meiner Person) schrie er lauthals los, man wolle ihn umbringen. Er war sehr empfindlich gegenüber verschiedenen Materialien auf der Haut, konnte mit dem Verhalten der anderen Kinder einfach nichts anfangen .. Die Liste war endlos.
Fast ein Jahr lang fuhren wir im vier-Wochen-Rhythmus in diese Klinik und machten verschiedenste Tests, füllten endlose Fragebögen aus und ließen Interviews über uns ergehen. Ergebnislos. Nichts, Nada, Niente. Es war zum Verrücktwerden. Während der ganzen Zeit versuchten wir zu vermeiden, dass unser Kind sich als abnorm betrachtet, sich als fehlerhaft sieht. Ein Balanceakt. Diese "Besuche" waren stets ambulant. Als man dann von uns verlangte, wir sollten unser Kind für 12 Wochen ohne Kontakt in stationäre Behandlung geben, war für uns Ende. Und die Schulbegleitung in weiter Ferne. Als Nächstes versuchten wir eine "psychosomatische Uni - Kinderklinik". Da waren die Tests nach einer halben Stunde abgeschlossen . Mit dem Ergebnis, wir hätten den Jungen gnadenlos verzogen und seine Probleme würden von allein vergehen. Dafür hatten wir also ein dreiviertel Jahr auf den Termin gewartet...
Alex´ Einschulung stand vor der Tür. Wir mussten es ohne Schulbegleitung versuchen, denn eine ordnungsgemäße Diagnose lag noch nicht vor. Also schickten wir ihn schweren Herzens in die Grundschule. Was natürlich völlig gegen den Baum lief. Es war katastrophal. Unser Junge war vollkommen überfordert, wir am Rande der Verzweiflung. Ich arbeitslos, weil ich ständig erreichbar sein musste, um notfalls mein Kind sofort abzuholen. Nach etwa drei Monaten hatte seine Klassenlehrerin eine Idee. Sie meinte, Alex´ Verhalten erinnere sie an einen anderen Jungen, den sie vor einigen Jahren in ihrer Klasse hatte. Bei diesem Jungen sei vor Kurzem Autismus festgestellt worden. Das machte uns hellhörig. Wir hatten einen Verdacht, dem wir diesmal konkret nachgehen konnten. Kein stochern im Dunkeln, sondern gezieltes Nachforschen...
Ich setzte mich sofort mit dem Autismuszentrum Schwaben in Verbindung und versuchte einen Arzt zu finden, der uns mit der Diagnose helfen konnte. Leider gab es im gesamten Allgäu nur einen einzigen Arzt, der sich genau darauf spezialisiert hat. Das war vor 5 Jahren, damals war Autismus noch eine völlig unbekannte Größe. Heute ist er durch Film und Fernsehen ja beinahe schon salonfähig geworden. Die Wartezeit bei dem Herrn betrug ein dreiviertel Jahr. Wir hatten Glück. Jemand sprang ab und wir rutschen in der Warteliste weiter nach vorn. Nach einem halben Jahr und 5 Fahrten in die 150 Km entfernte Praxis, seitenweise Fragebögen und sehr sehr selbstkritischen Momenten hatten wir es schwarz auf weiß. Alex ist Autist. Ich hätte den Arzt küssen können (Was er sehr irritierend fand, denn normalerweise freuen sich Eltern nicht über eine derartige Diagnose. Ich war aber einfach nur glücklich, endlich Bescheid zu wissen). Nebenbei stellten wir Dank der Fragebögen fest, dass sehr viele von den typisch autistischen Verhaltensweisen und Erfahrungen auch auf meinen Mann zutreffen. So ganz nebenbei hat er also auch noch (im Alter von 42 Jahren) seine Diagnose bekommen. Plötzlich hatte ich zwei Autisten daheim, einen Großen (der durch die schwächere Ausprägung und die grundsolide Sozialisierung kaum vom "Normalverhalten" abwich) und einen Kleinen (dem ich jetzt endlich wirklich helfen konnte). Von nun an wird alles besser - dachten wir. Denn es ist eines, zu wissen was Sache ist. Etwas ganz anderes ist es, damit zu leben...
Für heute bin ich völlig fertig, aber ich werde euch noch den Rest der Geschichte erzählen. Zwischen damals und heute liegen ja fast fünf Jahre und viel ist geschehen - Gutes und Schlechtes....

Mittwoch, 24. April 2019

Zurück im Alltag

Ihr Lieben, ich bin wieder hier!!!
Ach, war das schön. Und traurig, teils schaurig … aber schön....
Ich habe diesen Ausflug in meine alte Heimat so sehr gebraucht. Jetzt ist mir das Herz wieder weit. Auch wenn vieles was ich gesehen habe, mich melancholisch stimmt oder sogar ein bisschen weh tut. Aber ist das nicht immer mit unseren wichtigsten Erinnerungen so? Sie sind schön und schmerzhaft zugleich. Sie machen Hoffnung und brechen uns doch das Herz...
Mein Sohn hat meine Heimat noch nie gesehen und auch mein Mann war nur einmal mit mir in meinem Geburtsort. Bei diesem Osterbesuch hatte ich die Gelegenheit, beiden viel von meinen Wurzeln zu zeigen. Besonders mein Sohn hat mich angerührt, weil er verstanden hat, worum es mir ging und weil er so interessiert an meinen Geschichten war. Er meinte auf der Rückfahrt, endlich ergäben all diese Geschichten einen Sinn, weil er jetzt weiß wo sie spielen.
Und wir haben viele Orte besucht, die für mich eine tiefe Bedeutung haben. Mein altes Elternhaus, dass in meiner Erinnerung so viel größer aussah. Die kleine Kirche direkt daneben, deren Glockengeläut mich durch meine Kindheit getragen hat und die jetzt leider so fürchterlich heruntergekommen ist. Auch unser großer Garten, der zwischen Kirche und Haus lag, trieb mir die Tränen in die Augen. Die neuen Eigentümer des Hauses haben ihn nicht mit übernommen, stattdessen ist er jetzt Niemandsland und verwildert zusehends. Wo einst unsere Kartoffeln und Himbeeren wuchsen und unsere Hühner frei herumliefen findet sich jetzt nur Efeugestrüpp und ein paar dürftige Mohnblumen. Eine Freude dagegen war meine alte Grundschule. Sie wurde vor einiger Zeit frisch renoviert und erstrahlt in leuchtenden bunten Farben. Eine wahre Herausforderung war hingegen das noch immer vorhandene Kopfsteinpflaster, das sich durch den Ort zieht. Das Laufen darauf war damals schon unbequem, doch mit den Jahren verblasste die Erinnerung daran und der Schock war dementsprechend groß.
Eine besondere Freude bot sich mir am Sonntag. Ich habe in meiner alten Heimat keine Verwandtschaft mehr, was auch ein Grund für mein langes Fortbleiben war. Doch ein Ehepaar hatte ich all die Jahre in liebevoller Erinnerung. Es sind die Eltern einer alten Schulfreundin, die noch immer im Ort leben und die ich besucht habe. Die beiden waren mir stets sehr zugetan und auch ich habe sie herzlich gern. Viele schöne Stunden habe ich dort in ihrem Garten verbracht und über die Jahre habe ich die beiden und ihr warmes Zuhause nie vergessen. Das Wiedersehen war überwältigend. Die Tränen liefen bei uns allen. Wir haben einander minutenlang einfach nur weinend festgehalten und dann Geschichten von früher gewälzt, bevor wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht haben. Was ich an den Beiden immer sehr mochte war ihre vorurteilsfreie und kompromisslos herzliche Art. Ich fühlte mich dort immer willkommen, immer behütet. So auch jetzt wieder, nach all den Jahren. Und da verwundert es nicht, dass ihre Abschiedsworte an mich waren "Wenn du mal wieder Heimweh hast kommst du zu uns. Wir haben immer ein Bett für dich frei"...
In der kurzen Zeit dort haben wir sogar einen Ausflug in die nächstgrößere Stadt gemacht, in der ich damals auch studiert habe. Wir sind über das Universitätsgelände geschlendert und durch die Innenstadt und ich habe meinen zwei Männern alle Bibliotheken und Buchhandlungen gezeigt. Klar, dass ich die damals am besten kannte...
Mein Fazit nach diesem Dreitagesausflug? Es war wundervoll und wirklich dringend nötig. Erst jetzt, im Nachhinein, kann ich das gesamte Ausmaß meiner Sehnsucht erfassen. Jetzt, wo die Speicher wieder aufgeladen sind und ich wieder tief die Heimatluft eingeatmet habe begreife ich erst, wie grausam ich zu mir selbst war. So viele Jahre habe ich mich ferngehalten, habe mir selbst die warme und tröstende Umarmung der Heimat vorenthalten. Was für eine Idiotin ich doch war, zu glauben dass Heimweh in meinem Alter unsinnig ist und dass es kein Zurück für mich gibt. Natürlich gibt es ein Zurück! Immer! Ich kann, wenn ich will, jederzeit "nach Hause" fahren, zu den Orten und den Menschen, die ich tief in meinem Herzen trage. Niemand hindert mich daran, nur ich selbst habe stets abgeblockt. Aus falschem Stolz, aus einem faulen "KeineZeit" heraus. Ich warte nicht mehr so lang. Der nächste Besuch ist schon für das nächste Jahr geplant. Mein Mann und mein Sohn wollen noch so viel mehr sehen von meiner schönen Heimat. Und ich will ihnen noch so viel mehr zeigen...

Hochzeitstag

Heute ist es soweit. Ich bin nun seit 14 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Und auch wenn er manchmal ein Stoffel ist, leicht beleidigt und...